Im Jahr 1515 kam es in Hof zu antijüdischen Ausschreitungen. Die Juden
wohnten am Stadtrand in der Judengasse (heute der westliche Teil der
Auguststraße) sowie in der benachbarten Klostergasse (heute Teil der
Theaterstraße), wo sie eine kleine Synagoge besaßen. Bürgersöhne und
Handwerksburschen verprügelten und töteten die Juden und plünderten ihre Häuser
am Ostersonntag, weil sich die Juden geweigert hatten, eine übliche jährliche
Zahlung an die Hofer Jugend zu leisten. Die überlebenden Juden verließen Hof.
| Dokument
1 |
| Im 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der Judenemanzipation, wanderten
erneut Juden nach Hof ein. Der jüdische Landtagsabgeordnete Dr. Fischel Arnheim
aus Bayreuth erhielt 1863 die Ehrenbürgerwürde Hofs, weil er sich für den Bau
der Eisenbahnstrecke von Hof über Oberkotzau nach Eger eingesetzt hatte, der
große Bedeutung für die Versorgung der Hofer Textilwirtschaft mit billiger
böhmischer Braunkohle zukam. Die Hofer Juden gründeten 1892 einen
Synagogenverein und 1901 eine Israelitische Kultusgemeinde. Im Jahr 1911
eröffneten sie einen Friedhof in Wölbattendorf, 1927 eine Synagoge an der
Hallstraße 9 in einem ehemaligen Bahnhofsgebäude. Bereits in den zwanziger
Jahren kam es wiederholt zu Angriffen gegen jüdische Einrichtungen: Geschäfte
wurden beschmiert, im Jahr 1928 Synagogenfenster eingeschlagen; 1929 warf der
NSDAP-Ortsgruppenleiter eine Handgranate in die Synagoge. |
| Dokument
2 |
| Zu Beginn des Jahres 1933 lebten annähernd 100 Juden in Hof. Nachdem
Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt worden war, wurde die
antisemitische Hetze in Hof verschärft. Am reichsweiten Boykott jüdischer
Geschäfte nahm Hof teil. Sprachrohr der Nationalsozialisten war die
NSDAP-Zeitung „Bayerische Ostmark“, doch auch der bürgerliche Hofer Anzeiger
näherte sich dem Nationalsozialismus an. |
| Dokument
3 |
Die Aktionen der Reichskristallnacht in Hof lassen sich nicht mit der
letzten Zuverlässigkeit in sämtlichen Einzelheiten rekonstruieren. Der Prozess
vor dem Landgericht Hof gegen Aktivisten der Reichskristallnacht, der von 1948
bis 1951 dauerte, erbrachte keine völlige Klarheit in den Abläufen. Die
Zeitungen berichteten – den Anweisungen von oben gemäß – parteiisch und kurz.
Erinnerungsberichte von Zeitzeugen liegen vor, geben aber kein vollständiges
Bild. Die folgenden Ausführungen dürfen daher nur als Annäherung an die
tatsächlichen Geschehnisse verstanden werden. Am 7., 8. und 9. November war
es in Hof ruhig geblieben, obwohl die Zeitung auch in Hof die Bevölkerung
informierte, dass das Regime den Mord von Paris sehr wichtig nahm, und darauf
vorbereitete, dass „etwas“ geschehen könne. Der Hofer Anzeiger schrieb in seiner
Ausgabe vom 10. November (die ja bereits am 9. November vor der
Reichskristallnacht in den Druck gegangen war): „Heute, angesichts des neuen
entsetzlichen Attentats, wird der Führer Großdeutschlands vermutlich einen
Gegenschlag führen, von dem das feindliche Judentum sich so bald nicht mehr
erholt.“ |
| Dokument
4 |
Am Abend des 9. November fand eine Gedenkfeier der NSDAP-Kreisleitung
Hof in der Vereinshalle in der Bismarckstraße statt, die nach Aussagen von
Beteiligten keine direkten Auswirkungen auf das folgende Geschehen hatte. Nach
der Feier gingen die Teilnehmer zu Bett, ohne dass irgendwelche Befehle
ausgegeben oder Andeutungen auf die kommenden Ereignisse gemacht worden
waren. Die Hofer Polizeidirektion erhielt am 9. November spätestens gegen
23.00 Uhr ihre Befehle; woher diese kamen, ist unbekannt. Da an den Hofer
Aktionen außer der Kriminal- und Schutz-Polizei auch die SA und die allgemeine
SS beteiligt waren, ist es denkbar, dass es mehrere Befehle unterschiedlicher
Herkunft gegeben hat. Sowohl NSDAP-Kreisleiter Benno Kuhr als auch
Oberbürgermeister Dr. Richard Wendler behaupteten später, sie hätten erst am
Morgen des 10. November, nachdem die Aktion bereits in vollem Gange war, davon
erfahren, hätten sich also an den Aktivitäten nicht beteiligt; sie unternahmen
allerdings auch nichts dagegen. Gegen 4 Uhr morgens erhielten die
Diensthabenden der Hofer Schutzpolizei den Befehl, zusammen mit der SA die
jüdischen Familien Heimann, Böhm, Eberstadt, Reiter und Linz zu verhaften. Nach
dem Einlieferungsbuch des Landgerichtsgefängnisses Hof wurden zwischen 4 und 5
Uhr morgens Angehörige der Familien Böhm, Lax, Heimann, Eberstadt, Weil und
Reiter ins Gefängnis gebracht. Später folgten weitere jüdische Familien aus Hof
und Umgebung. Insgesamt kamen am 10. November 1938 zwölf Juden aus Hof, sechs
aus Oberkotzau, acht aus Münchberg und einer aus Rehau in das Hofer Gefängnis.
In der Hofer Umgebung erfolgten die Verhaftungen während des hellen Tages, so
dass man annehmen darf, dass die dortigen Behörden ihre Befehle erst später
erhielten. Bei der Familie Linz in der Marienstraße 73 war der
Verhaftungsversuch erfolglos. Vermutlich gegen 4 Uhr nachts kamen zwei Männer,
angeblich ein SS-Mann und ein SA-Mann, zur Wohnung der Familie Linz. Salomon
Linz war der Vorsteher der Israelitischen Kultusgemeinde Hof. Die Haushälterin
wies die nächtlichen Besucher darauf hin, dass die Familie Linz nach Eisenach
verreist war. Trotzdem drangen sie in die Wohnung ein, wo sie sich umschauten.
Anschließend gingen sie wieder fort. Gegen 19 Uhr kamen mehrere SS-Männer und
ein Mitglied der Kriminalpolizei Hof abermals zur Wohnung der Linz, durchsuchten
sie und nahmen einige wertvolle Gegenstände mit, welche die Familie nicht mehr
zurückbekam. Herr Linz wurde in Eisenach verhaftet, wohin man wahrscheinlich von
Hof aus Meldung erstattet hatte, und in das Konzentrationslager Buchenwald
eingeliefert, von wo er Anfang Dezember 1938 nach Hof zurückkehrte. Nach Meinung
der Haushälterin war die Entlassung aus dem KZ darauf zurückzuführen, dass Linz
Teilnehmer des Ersten Weltkriegs gewesen war. Die Familie Linz wanderte um
Ostern 1940 aus. Die Familie Heimann hatte eine Wohnung im Synagogengebäude.
Um kurz vor 4 Uhr morgens am 10. November klopfte es an der Tür der Hauses. Ein
SA-Mann und ein Schutzmann fragten die Hausmeisterin, die im Dachgeschoss zwei
Zimmer bewohnte, nach der Wohnung der Familie Heimann. Sie verhafteten Herrn und
Frau Heimann und ihren Sohn. Da der alte Herr teilweise gelähmt war, schleiften
seine Füße über den Boden, als er weggeführt wurde. Nach zwei oder drei Tagen
wurden die Heimanns wieder aus dem Gefängnis entlassen; sie zogen später nach
Mannheim. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt. In der sechsten Stunde am 10.
November kamen fünf bis acht Mann, schlugen die Wohnungstür ein und demolierten
die Einrichtung. Im Laufe des Tages wurde die Wohnung einschließlich der Türen
und Fenster völlig zerstört; die Einrichtung wurde auf die Straße
geworfen. Nachdem die Verhaftung der Hofer Juden in Gang gesetzt war, begann
man mit der Zerstörung jüdischen Eigentums außerhalb der Wohnungen. Am frühen
Morgen des 10. November 1938 wurden die Fensterscheiben des Kaufhauses Ury, das
sich an der Stelle des heutigen Kaufhofs befand, eingeschlagen, angeblich
nachdem sie zuvor von einem SS-Mann mit dem Glasschneider angeritzt worden
waren. Ein Polizist, der dort zwischen etwa 5 und 8 Uhr Wache stehen musste,
will die Pflastersteine, die zur Zerstörung der Scheiben benutzt wurden, im
Schaufenster liegen haben sehen. Ein Schaukasten und mehrere Fenster auf der
rückwärtigen Gebäudeseite, welche die SS-Leute übersehen hatten, wurden im Laufe
des Tages von Kindern zerstört, während ein Polizist daneben stand und zusah.
Das Kaufhaus gehörte einer jüdischen Firma aus Leipzig. |
| Dokument
5 |
| Andere Quellen berichten von eingeworfenen Fenstern am Kaufhaus
Feldmann am Oberen Tor. Am Schuhgeschäft Bottina, ebenfalls am Oberen Tor, das
bereits nicht mehr in jüdischem Besitz war, wurden im Laufe des Tages die
Lichtreklamen abgenommen. |
| Dokument 6 |
| Das Zentrum der nationalsozialistischen Aktionen war die Synagoge an
der Hallstraße 9. Die Hausmeisterin beschrieb die Innenausstattung des äußerlich
unscheinbaren Gebäudes zehn Jahre später mit diesen Worten: „Die Synagoge war
sehr schön eingerichtet. Es war ein Altar vorhanden. Kirchenbänke waren
aufgestellt. An diesen befanden sich für jeden Gläubigen ein Kästchen mit Namen,
in denen Gebetbücher aufbewahrt waren. Die Bänke waren so aufgestellt, dass ein
Hauptgang und 2 Seitengänge vorhanden waren. Diese sowie der Raum vor dem Altar
waren mit neuen Kokosteppichen belegt. Bilder waren in der Synagoge nicht
aufgehängt. Nur eine Gedenktafel der Verstorbenen war vorhanden. Die Decke war
mit den Geboten Gottes und Zeichen wie die Sonne, der Mond, die Sternen [!] u.
Fische bemalt. Wenn kein Gottesdienst war, war der Altar mit einem Vorhang
verdeckt. An der Decke hingen 2 oder 3 Kronleuchter. Das Vereinszimmer [neben
dem Gebetsraum im Erdgeschoss; mit diesem durch eine Tür verbunden] war mit
grossen Auszugtischen und 24 neuen Stühlen ausgestattet. An den Wänden hingen
Bilder jüdischer Rabbiner und Gruppenaufnahmen.“ |
| Dokument
7 |
| Angehörige der SS – zunächst wohl dieselben, welche die Wohnung
Heimanns verwüsteten -, die später durch herbeigerufene SA-Leute verstärkt
wurden, begannen zwischen 5 und 6 Uhr damit, die Einrichtung des Gebetsraumes
und des Vereinszimmers herauszureißen und auf der Straße vor dem Gebäude
aufzuschichten und zu verbrennen. Sie entfernten nicht nur Mobiliar und Bücher,
sondern machten nicht einmal vor der Wandverkleidung und dem Fußboden halt. Noch
in der Mittagszeit dauerte das Zerstörungswerk an, das selbst den kleinen
Vorgarten nicht schonte. Widersprüchliche Angaben werden darüber gemacht, ob man
ursprünglich geplant habe, die Synagoge abzubrennen, aber wegen der in den
benachbarten Feuerwehrdepots eingelagerten Brennstoffe darauf verzichtet habe,
oder ob von vornherein an einen Synagogenbrand nicht gedacht worden sei. Ein
Polizist, der gegen 6.15 Uhr zur Synagoge kam, wies die dort Tätigen auf die
Gefahren durch das Feuer hin, worauf diese das Feuer nicht mehr nährten, sondern
langsam ausgehen ließen. Von Beginn der Synagogenzerstörung an standen immer
wieder Schaulustige dabei. Waren es zuerst vor allem Beschäftigte, die sich auf
dem Weg zu ihren Arbeitsstätten befanden, so kamen später zahlreiche Neugierige
hinzu, die nachschauten, weil sie gehört hatten, dass „dort droben was los sei“.
In Berichten ist von mehreren hundert Schaulustigen die Rede. |
| Dokument
8 |
| Da die Verbrennung in unmittelbarer Nähe der Synagoge nicht gestattet
wurde, riefen die SS-Leute drei Lastkraftwagen herbei, unter ihnen einen von der
Firma Laubmann und einen von der Weberei Zschweigert. Auf diese LKW wurden die
Sachen geworfen und gegen 10 Uhr durch die Ludwigstraße zum Sportplatz am
Unterkotzauer Weg gebracht. |
| Dokument
9 |
| Während der Fahrt marschierte eine größere Gruppe (verschiedenen
Berichten zufolge zwischen 30 und 90 Personen) SS-Angehöriger vor den LKW her
und sang Lieder ab. Am Saaledurchstich wurde abgeladen und das Synagogeninventar
verbrannt. |
| Dokument
10 |
Nach dem Unterricht ging ein neunjähriges Mädchen, das die dritte
Klasse der Neustädter Schule besuchte, zum Unterkotzauer Weg, weil der Lehrer
darauf hingewiesen hatte, dass man dort „etwas sehen“ könne. Das Kind, das
früher einmal die Synagoge besucht und eine christliche Erziehung genossen
hatte, erkannte unter dem noch glimmenden Haufen die Thora-Rolle (nur das Papier
ohne den Holzkern). Es nahm – unbeobachtet, da sich keine Menschen mehr in der
Nähe befanden - die Thora-Rolle und ein weiteres Papierstück an sich und brachte
sie heim, weil ihm gesagt worden war, dass die Thora-Rolle eine heilige Schrift
sei ähnlich der Bibel und gut darauf aufgepasst werden müsse. Die Mutter war,
als sie zu Hause die Gegenstände präsentiert bekam, sehr aufgeregt und
verbrannte sofort das Papier im Ofen. Die Thora-Rolle wurde vom Vater vermutlich
anderen Leuten zugeleitet, welche sie über die nationalsozialistische Zeit
hinweg aufbewahrten. Sie wurde der neuen Israelitischen Kultusgemeinde nach 1945
übergeben, die sie in Israel restaurieren ließ. Ein nationalsozialistischer
Aktivist berichtete später, er habe sich aus Neugier ein nicht verbranntes,
etwas abseits liegendes jüdisches Gesangbuch vom Saaledurchstich mit nach Hause
genommen. Er versteckte es bis nach 1945 in einem Kachelofen. |
| Dokument
11 |
| Nach dem Ende der Ausräumung wurden Wachen vor der Synagoge
stationiert. Oberbürgermeister Wendler will sich über den angerichteten
„Saustall“ in drastischer Weise gegenüber Mitarbeitern der Stadtverwaltung
geäußert haben. Er hatte allerdings zu keinem Zeitpunkt interveniert und sorgte
dafür, dass die am 10.11.1938 begonnene Abbrucharbeit in kurzer Frist vollendet
wurde. Angeblich aus dem Grund, dass die Fensterscheiben des Versammlungsraums
im Erdgeschoss während der Ausräumung am 10. November zerschlagen worden waren
und die einströmende kalte Luft der Bewohnbarkeit der Hauses entgegenstand,
mussten die Wohnungen im Dachgeschoss des Gebäudes von den Mietern auf Anordnung
der Bauaufsicht geräumt werden. Ebenfalls aus angeblich „baupolizeilichen und
schönheitlichen Gründen“ wurde zum Abriss des Gebäudes geschritten. Am 30.
November 1938 wurde der Abriss angeordnet, am 12. Dezember die Durchführung der
Baufirma Gebr. Peters zum Preis von 400 RM übertragen. Bereits am 17. Dezember
wurde der Vollzug gemeldet. Dem Stadtarchiv wurden Gebäudefotos übergeben. Den
Abriss musste die Israelitische Kultusgemeinde bezahlen. Die Hofer Presse
berichtete über die Ereignisse, wie angeordnet, kurz und an untergeordneten
Positionen der Zeitungen. |
| Dokument
12 |
| Trotz der massiven Staatspropaganda, die sich in den Medien
spiegelte, glaubte die Bevölkerung das Märchen vom spontanen Volksaufstand
nicht. Viele distanzierten sich insgeheim von der Gewaltanwendung, ohne jedoch
zu offenem Widerstand zu schreiten. |
| Dokument
13 |
Die Hofer Juden verzogen seit dem Regierungsantritt Hitlers zu etwa
zwei Dritteln in größere Städte, wo sie sich in der Anonymität geschützter
glaubten. Rund einem Viertel der Hofer Juden gelang die Auswanderung. Die
jüdischen Auswanderer verkauften ihr Hofer Eigentum. Nach der
Reichskristallnacht wurden die noch verbliebenen jüdischen Besitztümer
„arisiert“. Die „Entjudung des Grundbesitzes“ (so die damalige offizielle
Sprechweise) war in Hof 1942 abgeschlossen. Der jüdische Friedhof wurde einer
Baufirma als Lagerplatz überlassen. Von 1948 bis 1951 wurde vor dem
Landgericht Hof ein Strafverfahren gegen 29 Personen geführt, denen vorgeworfen
wurde, sich im Zusammenhang mit der Reichskristallnacht in Hof strafbar gemacht
zu haben. Das Urteil wurde am 22.2.1951 gesprochen. Fünf Angeklagte waren
mittlerweile verstorben, der Hauptangeklagte war verschollen; einige Vorwürfe
waren nach Meinung des Gerichts nicht nachweisbar, andere so geringfügig, dass
sie „außer Verfolgung gesetzt“ wurden; niemand wurde bestraft! Die Zeugen hatten
ihren Aussagen zufolge kaum jemanden der Beteiligten erkannt. Man scheint sich,
glaubt man ihnen, innerhalb der NS-Organisationen kaum gekannt zu haben, obwohl
man regelmäßig Dienste und Appelle miteinander hatte und sich in
Gastwirtschaften traf. Außerdem war es dunkel, man sah sich nur von hinten, und
die lange Zwischenzeit förderte das Vergessen. Die Angeklagten haben lediglich
Befehle von oben ausgeführt. Alle unterstanden der Befehlsgewalt des
Hauptangeklagten, der 1961 für tot erklärt wurde. Einige Beteiligte behaupteten
gar, sie hätten bis zum 10.11.1938 nicht gewusst, wo in Hof die Synagoge war.
Von einem ausdrücklichen Befehl zur Ausräumung der Synagoge berichtete keiner;
das Gericht nahm „Geheimbefehle“ aus Nürnberg oder Bayreuth an, für die es indes
keine Belege fand. Es blieb weitgehend im Dunkeln, wer an der Aktion
teilgenommen hatte, weil die Angeklagten gewöhnlich lediglich zufällig dazukamen
und neugierig daneben standen, meist ohne selbst Hand anzulegen. Widersprüche
zwischen den Aussagen der Zeugen wurden zwar den Zeugen, die wiederholt befragt
wurden, vorgelegt, aber letztlich nicht aufgeklärt, eine Glaubwürdigkeitsprüfung
der Zeugen unterblieb: Die Aussagen blieben gleichgewichtig nebeneinander
stehen, unabhängig davon, ob es sich um die Aussagen von Angeklagten, von
erklärten Gegnern der Angeklagten oder von unbeteiligten Dritten handelte. In
dieser Situation widerriefen unbeteiligte Dritte (Haushälterin, Nachbarin) ihre
Aussagen, wenn sie mit Gegenaussagen von Angeklagten konfrontiert wurden. Ob sie
wohl Angst hatten? Obwohl Angeklagte zugaben, sich zu kennen und sich zum
Beispiel im Internierungslager nach Kriegsende zu dem Prozessgegenstand
ausgetauscht zu haben, wurde der Frage, ob Absprachen vorlagen, von den
Ermittlern nicht nachgegangen. Auch solch absurde Behauptungen wie die, man habe
von der Existenz einer Synagoge in Hof nichts gewusst oder gar erst lange nach
den Ereignissen davon erfahren, gaben nicht zur Nachforschung Anlass. Die
Verfahrensführung vermittelt insgesamt nicht den Eindruck, den
Strafverfolgungsbehörden sei besonders an dem Verfahren gelegen gewesen. Bis auf
drei Angeklagte, für welche die Staatsanwaltschaft die Wiederaufnahme des
Verfahrens betrieb, wurden die Urteile rechtskräftig. Nach 1945 entstand in
Hof eine neue jüdische Gemeinde, überwiegend aus osteuropäischen Zuwanderern. In
Hof befand sich in der ersten Nachkriegszeit ein Lager für „Displaced Persons“,
das den Zugewanderten einen vorübergehenden Aufenthalt ermöglichte. Die Zahl der
Juden in Hof betrug in dieser Zeit bis über 300 Personen, die aber meist nur
kurze Zeit in Hof blieben und anschließend auswanderten. Zunächst siedelten sich
etwa 40-50 Juden dauerhaft in Hof an. Durch Zustrom aus den Nachfolgestaaten der
Sowjetunion vergrößerte sich diese Gemeinde nach 1990 bis auf etwa 300 Personen
gegenwärtig. Zunächst nutzte die Gemeinde provisorische Räume in der
Bismarckstraße 10 (Gaststätte „Trompeter“, Sitz des Jüdischen Hilfskomitees, aus
dem 1950 die neue Israelitische Kultusgemeinde hervorging) und anschließend in
einem städtischen Gebäude in der Karolinenstraße 13 für ihre Versammlungen. Da
die Gemeinde klein war, verzichtete sie auf den Neubau einer Synagoge, der
zeitweise geplant war. Nachdem sich die Israelitische Kultusgemeinde erheblich
vergrößert hat, ist sie in der Zwischenzeit in die alte Schule in Moschendorf
umgezogen. Ein Nachfahre einer jüdischen Familie, die aus Hof nach Amerika
ausgewandert war, gab im Frühjahr 1983 die Anregung, am ehemaligen Standort der
Synagoge an der Hallstraße eine Gedenktafel anzubringen. Das Jahr 1983 war wegen
der Häufung der runden Jahreszahlen (gescheiterter Hitler-Putsch 1923, Hitlers
Ernennung zum Reichskanzler 1933, Reichskristallnacht 1938) prädestiniert zum
herausgehobenen öffentlichen Gedenken. Der Anregung aus Amerika wurde Folge
geleistet. Am 11. Dezember 1983 wurde die schlichte Schrifttafel mit einem
Festakt eingeweiht. |
| Dokument
14 |